Wie viel Nm braucht mein E-MTB?
75, 85, 100, 120, inzwischen sogar 150 Newtonmeter – die Zahlen auf den Motorengehäusen steigen jedes Jahr. Wir erklären, was Newtonmeter überhaupt messen, warum dein Gang wichtiger ist als der Unterschied zwischen 60 und 85 Nm, und ab wann mehr Drehmoment schlicht nichts mehr bringt.
Die kurze Antwort
Für die allermeisten E-Mountainbiker:innen in Österreich sind 75 bis 85 Nm der sinnvolle Bereich. Damit kommst du jede Forststraße und jede legale Trailauffahrt hoch, ohne dass der Motor zur Bremse wird.
60 Nm reichen, wenn du ein leichtes Rad fährst, selbst gern mittrittst und eher Touren als Steilrampen sammelst. 100 Nm und mehr ergeben Sinn, wenn du schwer bist, viel Gepäck mitnimmst oder regelmäßig technische Steilstücke mit Stufen fährst.
Und die unbequeme Ergänzung: Der Unterschied zwischen 60 und 85 Nm lässt sich mit zwei Ritzeln am Hinterrad ausgleichen. Warum das so ist, steht gleich im nächsten Abschnitt – und es ist der wichtigste Punkt dieses Artikels.
Was Newtonmeter überhaupt beschreiben
Ein Newtonmeter ist die Einheit für Drehmoment – also für Drehwirkung. Der klassische Vergleich: Wenn du an einem Schraubenschlüssel mit einem Meter Länge mit einer Kraft von einem Newton ziehst, wirkt ein Newtonmeter. Am längeren Hebel brauchst du für dasselbe Drehmoment weniger Kraft.
Beim E-Bike-Motor beschreibt der Nm-Wert, wie kräftig der Motor an der Kurbelwelle zieht. Nicht wie schnell, nicht wie lange – nur wie kräftig. Deshalb spürst du hohes Drehmoment genau in den Momenten, in denen es auf Kraft ankommt und nicht auf Tempo: beim Anfahren an der steilen Rampe, beim Beschleunigen aus der Spitzkehre, beim Überrollen einer Wurzelstufe im Schritttempo.
Wenn du wissen willst, wie sich Drehmoment und Leistung zueinander verhalten, haben wir das im Schwesterartikel aufgeschlüsselt: Wie viel Watt braucht mein E-MTB?
Der entscheidende Punkt: dein Gang vervielfacht das Drehmoment
Hier liegt das größte Missverständnis in der ganzen Nm-Diskussion. Die Herstellerangabe gilt an der Kurbel, nicht am Hinterrad. Zwischen beiden liegt deine Schaltung – und die verändert den Wert dramatisch.
Die Rechnung ist simpel: Das Drehmoment am Hinterrad ergibt sich aus dem Drehmoment an der Kurbel, multipliziert mit dem Verhältnis von Ritzel zu Kettenblatt.
Ein typisches E-MTB hat ein 34er-Kettenblatt und eine 12-fach-Kassette von 10 bis 51 Zähnen. Damit gilt für einen 85-Nm-Motor:
Was aus 85 Nm an der Kurbel am Hinterrad ankommt
| Gang | Übersetzung (Kettenblatt/Ritzel) | Drehmoment am Hinterrad |
|---|---|---|
| Leichtester Gang (34/51) | 1 : 1,5 | ca. 128 Nm |
| Mittlerer Gang (34/24) | 1 : 0,71 | ca. 60 Nm |
| Schwerster Gang (34/10) | 1 : 0,29 | ca. 25 Nm |
Zwischen dem leichtesten und dem schwersten Gang liegt also der Faktor fünf – ein viel größerer Unterschied als der zwischen irgendwelchen zwei Motoren auf dem Markt.
Daraus folgt die praktisch nützlichste Erkenntnis dieses Artikels: Ein 60-Nm-Light-Motor im leichtesten Gang liefert am Hinterrad ungefähr so viel Drehmoment wie ein 85-Nm-Motor zwei bis drei Ritzel weiter oben. Genau deshalb funktionieren Light-E-MTBs an steilen Anstiegen überhaupt – du fährst schlicht einen kleineren Gang und kurbelst schneller.
Das relativiert das Nm-Wettrüsten erheblich. Was ein starker Motor dir wirklich gibt, ist nicht die Fähigkeit, steile Rampen überhaupt hochzukommen. Es ist die Freiheit, sie in einem größeren Gang und mit weniger eigener Anstrengung hochzukommen.
Ein Sonderfall am Rande: Bei Nabenmotoren gibt es diese Übersetzung nicht – die Kraft wirkt direkt am Rad, ohne dass die Schaltung sie vervielfacht. Deshalb braucht ein Nabenmotor für denselben Einsatz grob 15 bis 20 Nm mehr auf dem Datenblatt als ein Mittelmotor. Bei E-MTBs spielt das kaum eine Rolle, weil dort praktisch ausschließlich Mittelmotoren verbaut werden.
Warum du Nm-Angaben nicht direkt vergleichen kannst
Jetzt kommt der Teil, den kaum eine Kaufberatung erwähnt: Es gibt keine verbindliche Norm dafür, wie Hersteller das maximale Drehmoment messen.
Der Zweirad-Industrie-Verband schlägt seit einiger Zeit ein einheitliches Messverfahren vor – genau deshalb, weil es bislang keines gibt. Bis dahin misst jeder Hersteller nach eigener Methode, und die Werte auf zwei Datenblättern sind nur eingeschränkt vergleichbar. 85 Nm von Marke A und 85 Nm von Marke B können sich im Gelände spürbar unterschiedlich anfühlen.
Der zweite blinde Fleck ist noch relevanter: Fast alle Angaben sind Spitzenwerte, keine Dauerwerte. Ein Motor, der kurzzeitig 85 Nm liefert, im Dauerbetrieb aber auf 60 Nm herunterregelt, verhält sich auf einer 40-minütigen Alpenauffahrt völlig anders als einer, der konstant 75 Nm hält. Dauerdrehmoment-Werte veröffentlicht so gut wie kein Hersteller.
Für dich heißt das: Nimm die Nm-Zahl als grobe Klasseneinteilung, nicht als exakten Vergleichswert. Und wenn du regelmäßig lange Anstiege fährst, sind unabhängige Langzeittests der Fachpresse aussagekräftiger als jedes Datenblatt.
Das Nm-Wettrüsten – und wo die gängigen Motoren stehen
Zur Einordnung, wie schnell sich das Feld bewegt hat: 2019 galten 75 Nm als stark, 2021 waren 85 Nm der Standard, seit 2024 kratzen die Spitzenmodelle an 120 Nm, und 2026 steht die Marke bei 150.
Drehmomentklassen und typische Motoren
| Klasse | Drehmoment | Typische Motoren | Wofür ausgelegt |
|---|---|---|---|
| Light | 35–60 Nm | Specialized SL 1.1/1.2, TQ HPR50/HPR60, Fazua Ride 60, Bosch SX | Touren, Trails, natürliches Fahrgefühl |
| Standard | 70–85 Nm | Shimano E8000/EP6/EP801, Bosch CX Gen 4 und Gen 5, Yamaha PW-X2/PW-X3 | Der Allrounder-Bereich – deckt fast alles ab |
| Stark | 90–105 Nm | Brose Drive S Mag, Specialized 2.2 und 3.1, Bosch CX-R, Avinox M1 | Steilrampen, schwere Fahrer, Zuladung |
| Sehr stark | 110–150 Nm | Specialized S-Works 3.1, Sachs RS, Bosch CX Gen 5 nach Upgrade, Avinox M2S | Spezialfälle und Marketing-Spitzenplätze |
Bemerkenswert: Der Sprung von 85 auf 120 Nm kam bei Bosch nicht durch neue Hardware, sondern per Software-Update – dieselbe Antriebseinheit, freigeschaltet über die App. Umgekehrt läuft es beim Orbea Rise, dessen Shimano-RS-Motor ab Werk auf 60 Nm gedrosselt ist und sich auf 85 Nm entfesseln lässt. Die Nm-Angabe ist bei modernen Systemen also teilweise eine Software-Einstellung, kein festes Merkmal des Motors.
Wann mehr Newtonmeter nichts mehr bringen
Ab einem gewissen Punkt lässt sich zusätzliches Drehmoment schlicht nicht mehr auf den Boden bringen. Drei Grenzen setzen dem Wettrüsten ein Ende.
Die Traktion. Ein 85-Nm-Motor liefert im leichtesten Gang rund 128 Nm ans Hinterrad, was bei einem 29-Zoll-Laufrad etwa 350 Newton Vortriebskraft am Reifen bedeutet. Bei rund 100 Kilo Systemgewicht brauchst du dafür einen Reibwert von etwa 0,5. Trockener Schotter liefert das problemlos. Nasse Wurzeln, feuchter Fels und lockeres Geröll liegen deutlich darunter – dort dreht das Hinterrad durch, bevor der Motor überhaupt ausgereizt ist. Wer 120 Nm ins nasse Wurzelfeld schickt, gräbt ein Loch statt vorwärtszukommen.
Die Gewichtsverteilung. An sehr steilen Rampen wandert dein Schwerpunkt nach hinten. Kommt dann viel Drehmoment schlagartig, hebt das Vorderrad ab. Ein sehr kräftiger Motor mit ruppiger Kennlinie ist am Steilstück deshalb nicht automatisch besser als ein schwächerer mit feiner Dosierung – die Abstimmung schlägt hier die reine Zahl.
Der Verschleiß. Mehr Drehmoment heißt mehr Last auf Kette, Kettenblatt, Kassette und Hinterbaulager. Ein E-MTB verschleißt den Antriebsstrang ohnehin schneller als ein unmotorisiertes Rad; mit 100 statt 85 Nm beschleunigt sich das noch einmal. Dazu kommt der höhere Stromverbrauch: Wer die Kraft regelmäßig abruft, verliert spürbar Reichweite.
Die Faustregel aus der Werkstatt
Wie viel Nm passt zu dir?
Von deinem Einsatz zur Drehmomentklasse
| Dein Profil | Empfehlung | Warum |
|---|---|---|
| Touren auf Forststraßen und Schotter, moderate Steigungen | 50–65 Nm | Reicht vollkommen; ein Light-Antrieb spart dabei Gewicht |
| Trailtouren, gemischtes Gelände, du trittst gern selbst mit | 60–75 Nm | Der Motor unterstützt, ohne zu dominieren |
| Alpine Touren mit langen, steilen Anstiegen | 75–85 Nm | Der Standardbereich – deckt österreichisches Gelände sicher ab |
| Technische Steilstücke mit Stufen und Spitzkehren | 85–100 Nm | Kraft aus dem Stand heraus zählt hier mehr als anderswo |
| Systemgewicht über 120 kg (Fahrer, Rucksack, Ausrüstung) | ab 85 Nm | Der Leistungsbedarf steigt proportional mit dem Gewicht |
| Bikepark mit selbst erkurbelten Uphills | 85–100 Nm | Viele kurze, steile Anstiege hintereinander |
| Du bist unsicher | 85 Nm | Die sicherste Wahl und am Gebrauchtmarkt am breitesten verfügbar |
Zwei Dinge, die in dieser Tabelle nicht stehen und trotzdem zählen: Dein eigenes Fitnesslevel verschiebt alles um eine Klasse. Wer 200 Watt tritt, kommt mit 60 Nm dorthin, wo jemand mit 80 Watt 85 Nm braucht. Und das Gewicht des Rads wirkt in dieselbe Richtung – ein 19-Kilo-Light-E-MTB verlangt am selben Anstieg weniger Drehmoment als ein 26-Kilo-Enduro.
Drehmoment am Gebrauchtmarkt
Beim Gebrauchtkauf ist die Nm-Frage etwas anders gelagert als beim Neurad.
Ältere Motoren haben systematisch weniger Drehmoment: Der Bosch Performance Line CX der dritten Generation kam auf 75 Nm, der Shimano E8000 auf 70 Nm, der E7000 auf 60 Nm. Das klingt nach wenig, ist es in der Praxis aber nicht – siehe die Rechnung mit den Ritzeln weiter oben. Ein gepflegtes Rad mit 75-Nm-Motor bringt dich jede österreichische Forststraße hoch.
Zwei Punkte, die du beim Gebrauchtkauf konkret prüfen solltest:
- Ist Drehmoment per Software freigeschaltet? Beim Bosch CX Gen 5 entscheidet der Software-Stand, ob 85, 100 oder 120 Nm anliegen. Beim Orbea Rise sind es 60 oder 85 Nm, je nach App-Profil. Ein Blick in die eBike-Flow- beziehungsweise E-Tube-App klärt das in einer Minute – und ein vermeintlich schwaches Rad ist manchmal nur eine Einstellung entfernt.
- Wie sieht der Antriebsstrang aus? Je höher das Drehmoment, desto härter das Leben von Kette und Kassette. Bei einem Rad mit 85 Nm und mehreren tausend Kilometern gehören Kettenlängung und Kassettenzähne zu den ersten Prüfpunkten.
Bei uns wird der Antriebsstrang bei jedem Rad geprüft und bei Bedarf getauscht, bevor es in den Verkauf geht.
Fazit: 85 Nm sind genug – und dein Gang ist wichtiger als die letzten 15
Für österreichisches Gelände sind 75 bis 85 Nm der vernünftige Bereich. Darunter wird es an sehr steilen Rampen anstrengender, darüber gewinnst du vor allem dann etwas, wenn du schwer bist oder viel Gepäck dabeihast. Ab etwa 100 Nm setzt ohnehin die Traktion die Grenze, nicht mehr der Motor.
Der Punkt, den man sich merken sollte: Deine Schaltung verändert das Drehmoment am Hinterrad um den Faktor fünf. Zwischen dem leichtesten und dem schwersten Gang liegt ein größerer Unterschied als zwischen irgendwelchen zwei Motoren am Markt. Wer das nutzt, kommt auch mit 60 Nm überall hoch.
Nein. 60 Nm reichen für Forststraßen, Touren und die meisten Trails völlig aus – vor allem an einem leichten Rad. Du fährst an steilen Stellen einfach einen kleineren Gang, weil die Schaltung das Drehmoment am Hinterrad ohnehin vervielfacht. Für die meisten Fahrer:innen macht der Unterschied wenig aus. 100 Nm zahlen sich aus, wenn du über 120 Kilo Systemgewicht bewegst oder häufig technische Steilstücke aus dem Stand angehst. Auf nassem Untergrund lassen sich 100 Nm oft gar nicht mehr auf den Boden bringen. Weil es keine verbindliche Norm gibt, wie das maximale Drehmoment gemessen wird, und weil die Software entscheidet, wie schnell und über welchen Trittfrequenzbereich die Kraft anliegt. Eine feine Abstimmung fühlt sich am Berg oft besser an als eine höhere Zahl. Bei manchen Systemen ja, per Software. Der Bosch Performance Line CX Gen 5 lässt sich über die eBike-Flow-App aufrüsten, der Shimano-RS-Motor im Orbea Rise von 60 auf 85 Nm freischalten. Das ist herstellerseitig vorgesehen und legal – im Gegensatz zu Tuning-Chips, die die 25-km/h-Grenze aufheben. Wenn du es abrufst, ja. Ein Motor mit hohem Drehmoment zieht bei voller Unterstützung deutlich mehr Strom. Fährst du überwiegend in mittleren Modi, ist der Unterschied gering. 75 bis 85 Nm decken alpines Gelände sicher ab. Entscheidender als die letzten Newtonmeter ist bei langen Auffahrten, wie stabil der Motor seine Leistung über die Zeit hält, bevor er thermisch herunterregelt.Häufige Fragen zum Drehmoment beim E-MTB
Sind 60 Nm für ein E-MTB zu wenig?
Was ist besser, 85 Nm oder 100 Nm?
Warum haben zwei Motoren mit gleichem Nm-Wert ein anderes Fahrgefühl?
Kann ich das Drehmoment meines E-MTBs nachträglich erhöhen?
Verbraucht mehr Drehmoment mehr Akku?
Wie viel Nm braucht ein E-MTB für die Alpen?



